Gastbeitrag von Markus Czerner
Im Angestelltenverhältnis entsteht ein großer Teil des Antriebs von außen. Im Kalender stehen Termine, die man nicht selbst eingetragen hat, irgendwann fragt ein Vorgesetzter nach dem Stand, und im Nebenzimmer sitzen Kollegen, die mitbekommen, ob gearbeitet wird. Das erzeugt Struktur, ganz unabhängig davon, wie man sich an diesem Morgen fühlt.
Wer allein arbeitet, hat davon nichts. Ob du um acht anfängst oder um halb elf, bemerkt niemand. Ob das Angebot rausgeht, fragt niemand nach. Und wenn ein ganzer Tag damit vergeht, Mails zu sortieren und das für Arbeit zu halten, wird dich dabei auch niemand unterbrechen.
Die üblichen Ratschläge helfen an dieser Stelle wenig.
Warum „motivier dich einfach“ nicht weiterhilft
Der Rat, man müsse sich eben motivieren, behandelt Motivation wie einen Schalter. Man legt ihn um und dann läuft es. So funktioniert das nicht. Motivation ist das Symptom. Die Ursache liegt woanders, nämlich in der Frage, warum man das tut, was man tut.
Deshalb bringt es wenig, an der Stimmung zu arbeiten, solange diese Frage offen ist. Wer morgens nicht in Gang kommt, hat oft weniger ein Problem mit der Motivation als mit seinem Ziel. Er weiß nicht genau genug, worauf die nächsten Monate hinauslaufen sollen.
Erst das Ziel, dann die Frage nach dem Warum
Alles beginnt mit einem Ziel. Wer keines hat, hat auch keinen Grund, irgendwo hinzugehen. Bei Selbstständigen klingt das Ziel oft nach einer Zahl: mehr Umsatz, mehr Aufträge, mehr Anfragen. Das ist eine Kennzahl und selten ein Antrieb.
Der zweite Schritt ist die Frage, warum man dieses Ziel erreichen will. Was ändert sich, wenn es erreicht ist, und für wen ändert sich etwas? Was passiert, wenn man es lässt? Es macht einen erheblichen Unterschied, ob jemand glaubt, ein Ziel zu haben, oder ob er wirklich eines hat.
Ich habe das selbst erlebt, als ich mit 19 mein sportliches Ziel verloren habe. Mit dem Ziel war der Antrieb weg, und es hat gedauert, bis ich verstanden hatte, dass ich mir ein neues suchen muss, statt auf Motivation zu warten. Später habe ich in der Formel 1 gearbeitet, in einem Job, von dem viele träumen. Er hat mich trotzdem nicht getragen, weil er nicht mein Ziel war.
Motivation bringt dich los, Disziplin bringt dich hin
Motivation ist gut für den Start. Danach übernimmt die Disziplin.
Niemand ist dauerhaft motiviert, und wer darauf wartet, arbeitet nur an guten Tagen. Für Solo-Selbstständige ist das ein geschäftliches Risiko, weil niemand die schlechten Tage auffängt. Die brauchbare Frage lautet deshalb, wie du an den Tagen arbeitest, an denen die Motivation fehlt.
In meiner Arbeit als Motivationsredner für Unternehmen werde ich häufig gefragt, wie man sich selbst immer wieder in Gang bringt. Meine Antwort enttäuscht regelmäßig, weil sie unspektakulär ist: über feste Abläufe. Wer sich auf Abläufe verlässt, muss die Entscheidung, ob er heute arbeitet, nicht jeden Morgen neu treffen.
Vier Routinen, die ohne Team funktionieren
Eine feste Anfangszeit. Der Arbeitstag beginnt zur selben Uhrzeit, unabhängig von der Stimmung und unabhängig davon, wie voll der Kalender ist. Das ist die Struktur, die im Angestelltenverhältnis der Arbeitsweg und die Bürotür übernehmen. Wer das ersatzlos streicht, verhandelt jeden Morgen mit sich selbst und verliert diese Verhandlung öfter, als ihm lieb ist.
Die erste Stunde für die Arbeit, die das Geschäft bewegt. Akquise, Angebote, Nachfassen. Also die Dinge, die unangenehm sind und über die Auftragslage entscheiden. Wer mit dem Postfach beginnt, hat am Abend das Gefühl gearbeitet zu haben, ohne dass sich am Auftragsbestand etwas verändert hat. Das Postfach kann warten, die Auftragslage nicht.
Ein fester Wochentermin mit dir selbst. Eine halbe Stunde, immer am selben Tag. Du gehst durch, was für die Woche geplant war, was davon passiert ist und was du in die nächste Woche mitnimmst. Das ersetzt das Gespräch, das Angestellte mit ihrer Führungskraft führen. Noch besser wird es mit einer festen Verabredung, etwa mit einem anderen Selbstständigen, der dieselben Fragen beantwortet. Ein Termin, an dem jemand anderes wartet, wird seltener verschoben.
Eine Mindestleistung für schlechte Tage. Lege vorher fest, was auch dann läuft, wenn nichts geht: zwei Anrufe, ein Angebot, eine Stunde am wichtigsten Projekt. Die Menge ist klein genug, dass sie an jedem Tag zu schaffen ist, und groß genug, dass die Woche nicht auseinanderfällt. Das Ergebnis dieses einen Tages ist dabei zweitrangig. Es geht darum, dass die Gewohnheit nicht abreißt, denn eine Gewohnheit, die einmal ausgesetzt hat, setzt beim zweiten Mal leichter aus.
Was bleibt, wenn die Lust fehlt
Diese Routinen machen niemanden dauerhaft gut gelaunt. Sie sorgen dafür, dass die Arbeit auch dann stattfindet, wenn die Laune nicht mitspielt, und sie nehmen einem die tägliche Entscheidung ab, ob man heute anfängt.
Durch die schwierigen Jahre hat mich nie getragen, dass ich durchgehend motiviert gewesen wäre. Was geholfen hat, war die Fähigkeit, mich nach jedem Rückschlag wieder in Bewegung zu setzen. Die hat niemand von Geburt an, man kann sie sich antrainieren.
Und darin liegt für Selbstständige die eigentliche Aufgabe: nicht darauf zu warten, dass die Motivation zurückkommt, sondern sich die Abläufe zu bauen, die auch ohne sie funktionieren.
Der Autor
Markus Czerner ist Keynote Speaker, Speaker Coach und Bestsellerautor. Er spricht über Motivation, Resilienz und Veränderung und arbeitet im Einzelcoaching mit Vorständen und Führungskräften an deren Auftritt.
Mehr unter https://www.markusczerner.de

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