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Abwärtsspirale

Geiz

Geiz ist geil?

Dass dem nicht so ist – Geiz sogar tatsächlich total ungeil ist – gilt es hier festzustellen und so darzulegen, dass es jedem bewusst wird.

Es gibt da ja dieses tolle Zitat des britischen Schriftstellers und Sozialphilosophen John Ruskin, das trotz seines Alters (Ruskin starb vor über 100 Jahren) nichts an Realitätsnähe eingebüßt hat:

„Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgendjemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Menschen.

Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen

Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.

Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.“

Und das sollte eigentlich jedem verständlich sein.

Wertschätzung wird leider klein geschrieben!

Leider stolpere ich als Freiberufler und Unternehmer immer wieder über Menschen & Unternehmen, die trotzdem der Meinung sind, dass alles immer billiger werden muss, um den eigenen Gewinn zu maximieren – ohne Rücksicht auf Verluste, ohne zu berücksichtigen, dass sie an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.

Wie bewertet man denn Dienstleistungen?

Begrenzen wir das ganze einmal auf Zentraleuropa, um nicht stark unterschiedliche Wirtschaftssituationen miteinander zu vermischen.

Generell gilt, dass man alle Leistungen gut, schnell und billig haben kann – allerdings funktionieren immer nur zwei Attribute davon gleichzeitig:

  1. Was gut ist und schnell geht, kann nicht billig sein.
  2. Was gut ist und billig, kann nicht schnell gehen.
  3. Was billig ist und schnell geht, kann nicht gut sein.

Ich für meinen Teil liefere in jedem Fall Qualität, d.h. Option 3 ist bei mir schon mal raus. Und das muss sie wohl für jeden sein. Wer will denn schon mindere Qualität?

Wenn ich also meine hochwertigen Leistungen verkaufe und es soll billig sein (Option 2), kann ich das nur in Leerlaufzeiten machen, in denen sonst nichts geht. Will heißen: Gerne fülle ich meine freie Zeit mit Projekten, die Zeit haben bis nächstes oder übernächstes Jahr. Ist irgendwie auch zumeist nicht so angesagt.

Was muss man in der Kalkulation seiner Dienste berücksichtigen?

Soll es also die gewohnt hochwertige Leistung sein und in das jeweilige Timing passen (es soll ja so etwas wie Deadlines geben), dann kostet es einfach seinen Preis. Dieser hilft mir, mich arbeitsfähig zu halten: ich bezahle meine Miete, ernähre meine Familie, halte mein Werkzeug auf dem Funktions-Stand, den es braucht, bilde mich weiter.

Das Werkzeug beinhaltet:

  • technische Geräte, wie in meinem Fall Mikrofone, Vorverstärker, diverse Rechner (auch der für die Buchhaltung) usw.
  • Autos, denn der berufliche Transfer will gewährleistet sein und auch der private – denn sonst müsste der ja mit z.B. öffentlichen Verkehrsmitteln vorgenommen werden, was auch Zeit, in der sonst gearbeitet würde, in Anspruch nähme
  • meinen Körper, genauer: körperliche Fähigkeiten.

In meinem Fall sind das:

  • die Stimme,
  • der Geist, denn man muss ja intellektuell in der Lage sein, auch komplexere Aufgabenstellungen zu bewältigen
  • die generelle körperliche Fitness, um den alltägliche Anforderungen des Berufslebens gerecht werden zu können

Ja, im Preis muss auch anteilig Geld für meinen Urlaub enthalten sein, denn ohne Ruhepausen gibt es keine Erholung, die es dringend braucht, um arbeitsfähig zu bleiben. Die Zivilisationskrankheit Burn-Out „kann als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefährdung führt.“ (Quelle: Wikipedia)

Und was bedeutet das jetzt?

Jeder, der also auf Teufel-komm-raus versucht, alles immer billig zu kaufen, sorgt dafür, dass die, die das verkaufen, entweder minderwertige Qualität abliefern oder über kurz oder lang dabei vor die Hunde gehen.

Beispiele für minderwertige Qualität finden sich gerade in den Produkten wieder, die wir alle haben wollen. Z.B. landet komplett antibiotikaverseuchtes Fleisch in den Kühltheken, weil die Tiere sonst nicht schnell und stark genug wachsen. Und schon haben wir feine resistente Erreger, die dafür sorgen, dass mache Krankheit auf einmal nicht mehr behandelbar ist. Wer möchte so eine haben? Niemand? Na, dann möchten wir wohl nur gerne, dass die Anbieter der Billig-Produkte / -Dienstleistungen nach und nach aussterben.

Ein Beispiel

Das interessante ist, dass scheinbar niemand die Abwärtsspirale versteht, in der wir uns befinden, hier am Beispiel einer „Privatperson“, die trotzdem Teilnehmer an unserer Wirtschaft ist:

Wenn Sekretärin x aus Betrieb y, der beispielsweise Elektronik-Kleinteile-Zulieferer ist, immer gerne die billigste Kleidung kauft, so können die entsprechenden Anbieter diese nur so billig verkaufen, weil sie ihr Personal und ihre Zulieferer schlecht bezahlen und die wiederum ihr Personal schlecht bezahlen. Diese zwei Ebenen schlecht bezahlten Personals verfügen nicht über die Kaufkraft, die es braucht, um die hochwertigen Elektronik-Artikel zu kaufen, für die der Arbeitgeber von Sekretärin x Zulieferer ist. Also muss er im Preis gedrückt werden, um weiterhin Zulieferer sein zu dürfen. Sonst könnten die Endprodukte nicht billig genug angeboten werden. Betrieb y hat aber bisher realistisch kalkuliert, wovon ich erstmal bei jedem Unternehmen oder Freiberufler ausgehe. Um also billiger anbieten zu können, wird nun die Stelle von Sekretärin x auf einen Halbtagsjob reduziert oder ganz gestrichen. Und schon hat Sekretärin x auf einmal ein deutlich geringeres Budget und muss noch billiger einkaufen.

Die Konsequenz

Solange nicht der Wert von Arbeit anerkannt wird, wird das immer so weiter gehen, in genau diesem Stil.

Wer genau möchte das?

Foto: JD Photograph / shutterstock.com

Kategorie: AnsichtsSachen

von

Christoph Walter

Christoph Walter ist Sprecher (www.sprechbereit.de) und Besitzer eines Tonstudios mit Schwerpunkt Sprachproduktion (www.planet-voice.de). Seit dem 14. Lebensjahr benutzt er Mikrofone, hat gesungen, gerappt, Audio aller Art produziert, eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen, war angestellt in verschiedensten Marketingbereichen und in einer Filmproduktion, bis er schlussendlich dort hinkam, wo er heute ist. Und das ist gut so.

2 Kommentare

  1. Avatar

    Hallo Jen,

    danke für die Blumen! :)

    Ausnahmen bestätigen ja für gewöhnlich die Regel.
    D.h. es gibt immer wirtschaftlich schwächere, die aber m.E. trotzdem gut in dieses System passen. Es gibt immer Dinge unterschiedlicher Qualitätsstufen zu entsprechenden Preisen, es gibt den Gebraucht-Markt usw.

    Das Problem ist aber, dass heutzutage alle immer alles haben wollen / müssen. Unabhängig von Vernunft oder Kaufkraft. Selbst die, die über die entsprechende Kaufkraft verfügen, wollen sich häufig immer noch reich sparen. („Haben kommt von Halten“ und so…) Und weil es sehr, sehr vielen Unternehmen nur noch um den schnellen Euro geht und das extrem strapazierte Wort „Nachhaltigkeit“ für die meisten wirklich nur eine Worthülse ist, wird dann alles irgendwie vergünstigt, um über die Masse mehr Geld zu machen. Auf irgendjemandes Rücken lässt sich immer noch irgendwie sparen. Und das wird dann zum Bumerang.
    Ich denke wirklich, dass sich das auf die von mir zitierte „Geiz ist geil“-Mentalität zurückführen lässt.

    Ebenso sonnige Grüße (auch wenn es hier gerade ordentlich regnet),
    Christoph

  2. Avatar

    Guten Tag Herr Walter,

    first things first: Sehr angenehmer Schreibstil, der Artikel war gut zu lesen!

    Im Großen und Ganzen kann ich das, was Sie dort erklären, so unterschreiben.
    Zu wenig Geld im Umlauf birgt ohnehin Gefahren.
    Meine Frage ist, wie sich da Ganze allerdings mit Menschen verhält, die tatsächlich wenig verdienen und erst einmal auf ein ‚höheres Level‘ kommen müssen, wie gestaltet sich der Punkt? Gleiches gilt für Studenten oder Rentner, die wenig Rente bekommen. Was machen diejenigen, die darauf angewiesen sind, günstig zu kaufen? Das wäre noch ein interessanter Aspekt!

    Sonnige Grüße,
    Jen

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