Management & Controlling
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CSR als Unternehmensverantwortung, nicht als Werbesprech

Corporate Social Responsibility, CSR
Gastbeitrag von Prof. Dr. Lars Hochmann

Seit den großen Unternehmensskandalen der vergangenen Jahrzehnte ist die Verantwortung von Unternehmen in nahezu aller Munde, wenn es um Reparatur und Wiedergutmachung geht, häufig neudeutsch als Corporate Social Responsibility, kurz: CSR.

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Der Begriff ist Englisch, klingt schick, modern und dynamisch – aber jenseits vom Klang: Was steckt drin? Für eine differenzierte Antwort muss ich ein wenig ausholen und auf Spurensuche gehen.

Verantwortung für den eigenen Vorteil

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Im Jahr 1970 formulierte der US-amerikanische Ökonom Milton Friedman einen Satz, der bis zuletzt viel zitiert wird, wenn es um die Verantwortung von Unternehmen geht: „The social responsibility of business is to increase its profits.“

In der ökonomischen Literatur wird dieser Ansatz „Shareholder-Value“ genannt. Er besagt, dass Unternehmen nur ihren Anteilseignerinnen und -eignern, also sich selbst gegenüber verpflichtet wären. Das klingt intuitiv zumindest nicht komplett falsch, muss deswegen aber noch lange nicht richtig sein.

Letztlich handelt es sich beim Shareholder-Value nicht um ein Naturgesetz, sondern um eine Behauptung, also um einen Satz, der eine Begründung erfordert, um als wissenschaftlich zu gelten.

Die Begründung für die These, dass individueller Eigennutz dem Gemeinwohl diene, wurde im frühen 18. Jahrhundert von einer durch Adel und Klerus regierten Gesellschaft formuliert. Der Blitzableiter war gerade erfunden worden, von Robotik, Algorithmen oder Menschenrechten wurde allenfalls im Fieberwahn gesprochen und CO2 bedeutete den Menschen nur die Erfindung des Sodawassers.

In solchen Verhältnissen, die von Unterversorgung, Hunger, Krankheit und Armut geprägt waren, ließ sich der Glaube an den gesellschaftlichen Vorteil individueller Eigennützlichkeit noch rechtfertigen, denn er löste in der Tat viele der gesellschaftlichen Probleme jener Zeit.

Neue Zeiten, neue Probleme

Die Welt hat sich in den vergangenen drei Jahrhunderten tiefgreifend gewandelt. Die Probleme des 18. Jahrhunderts stellen sich heute weitestgehend nicht mehr.

Dafür stehen wir nun vor neuen Herausforderungen: Klimakrise, Pandemien und technische Möglichkeiten, die sowohl Teil der Lösung wie auch des Problems sein können.

Wir wissen heute, dass CO2 nicht nur Blubberbläschen im Sprudelglas, sondern auch den Treibhauseffekt verursacht. Und weil wir dies wissen, können wir anders als früher jene, die solche Gase ausstoßen, mit wissenschaftlichen Gründen dafür verantwortlich machen.

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Verantwortlich gegenüber wem?

Mit der Verantwortung ist es also ein merkwürdig Ding, denn verantwortlich ist man nicht einfach so und immer schon. Man wird verantwortlich gemacht, mal mehr und mal weniger gut begründet – von anderen oder auch von sich selbst, weil man sich eben verantwortlich fühlt für die eigene Belegschaft, die Kundschaft oder die Geschäftspartner.

Bei näherer Betrachtung gibt es eine ganze Reihe von Gruppen, die in unterschiedlicher Hinsicht Unternehmen verantwortlich machen und darüber Einfluss nehmen können auf den Unternehmenserfolg: Nachbarn zum Beispiel, die gegen Lärm protestieren, junge Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen, oder Klimaaktivistinnen, die einen Wald vor der Abholzung schützen.

Seit den 1980er-Jahren wird in der ökonomischen Literatur dem Shareholder-Value deswegen der Stakeholder-Approach gegenübergestellt. Ed Freeman war seinerzeit ein wichtiger Wegbereiter für diesen Ansatz. Er sensibilisiert dafür, dass Wirtschaft kein Automatismus zur Bereicherung einiger weniger ist, sondern ein politisches Feld von kreuz und quer liegenden, sich in Teilen unvereinbar gegenüberstehenden Interessen.

Unternehmensverantwortung: Verantwortlich für was?

Diese politische Konstitution von Unternehmen ist wichtig, wenn es um deren Verantwortung als gesellschaftliche Akteure geht.

Heute erfolgreiche Unternehmen sind im Wissen darum selbstkritische, achtsame und lernende Organisationen, die sich von hinten selbst über die Schulter gucken und fragen: Wer ist von uns betroffen? Welche Wirkungen haben wir auf anderes, andere und uns selbst? Wollen wir das? Welche anderen Möglichkeiten haben wir? Wie können wir die entstehenden Widersprüche verständigen?

Die für CSR entscheidende Frage ist dann nicht, wie die (vielleicht sogar auf fragwürdige Weise) erwirtschafteten Gewinne verwendet werden, ob also etwa an Hilfsorganisationen gespendet wird, im Pausenraum ein Kickertisch steht oder Mitarbeitende freigestellt werden, um den Park von Abfall zu säubern. Solche Projekte sind wichtig und ehrbar, markieren aber nicht den Kern von CSR, sondern nur ihre Hülle.

Die entscheidende Frage ist, wie und womit diese Gewinne entstanden sind.

Es geht bei Unternehmensverantwortung um das Geschäftsmodell und die dahinterliegende Unternehmensstrategie. Mit anderen Worten: Es geht um den Sinn des Unternehmens.

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Unternehmen machen Kultur

Der Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Pfriem hat vor einigen Jahren den prägnanten Satz formuliert: „Unternehmensstrategien sind kulturelle Angebote an die Gesellschaft“. Er benennt die zentrale Verantwortung von Unternehmen: aus ihren Produkten und Dienstleistungen resultieren Gewohnheiten der Lebensführung.

Wie wir als Gesellschaft zusammenleben, uns ernähren, mobil sind, kommunizieren und so weiter, ist meistenteils das Ergebnis von Unternehmensstrategien. Wenn diese Ernährungs-, Mobilitäts- oder Kommunikationskulturen problematisch werden, etwa weil sie Pandemien begünstigen oder die Klimakrise verursachen, dann müssen Wirtschaft und Gesellschaft in einem gemeinsamen Lernprozess nach neuen Wegen der Versorgung suchen.

Dieser Suchprozess nach Bewältigungsstrategien gesellschaftlicher Krisen markiert den Kern einer zeitgemäßen Unternehmensverantwortung.

Unternehmensverantwortung bedeutet: Antworten geben

Verantwortung hat zu tun mit dem Geben von Antworten: sich zu ver-antworten. Eine Corporate Social Responsibility, die mehr sein will als Werbesprech, muss darauf zielen, Antworten zu geben auf die drängenden Fragen unserer Zeit – Antworten, die nicht im Spektrum des Bekannten rangieren können, sondern aus dem unternehmerischen Ideenreichtum entstehen.

Wer CSR wirklich ernst nimmt, muss daher zwischen schöpfenden und bloß abschöpfenden Unternehmen unterscheiden und sich selbst immer wieder fragen: Warum ist es nicht egal, dass es uns gibt?

Diese Gesellschaft braucht eine neue Wirtschaft: Herausgeber Lars Hochmann über „economists4future"
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Der Autor

Lars HochmannProf. Dr. Lars Hochmann ist Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet zu sozialökologischem Unternehmer(innen)tum sowie ökonomischen Natur- und Weltverhältnissen an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung.

Gerade ist das von ihm herausgegebene Buch „economists4future. Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“ im Murmann Verlag erschienen.

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Weiterführende Lektüre von Lars Hochmann

Titel: economists4future: Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt*

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Inhalt: Hunderttausende Schülerinnen und Schüler beharren auf eine konsequente Klimapolitik. Eltern, Lehrer*innen, Unternehmer*innen und viele weitere Menschen solidarisieren sich mit ihnen, darunter über 26.000 scientists4future aus diversen Disziplinen. Nur die etablierten Wirtschaftswissenschaften schweigen. Das ist kein Zufall, denn ihr Denkstil hat wesentlich zu den Krisen der Gegenwart beigetragen: Denn eins haben Klimakrise, Finanz- und Wirtschaftskrise ebenso wie die Corona-Pandemie gemein: Sie entlarven die Fragilität unserer Wirtschaft und zeigen, wie abhängig wir uns als Gesellschaft von ihr gemacht haben. Alte, scheinbar bewährte Lösungen greifen nicht mehr, Lieferengpässe reißen ganze Zweige in den Abgrund, das gesellschaftliche Zusammenleben gerät aus den Fugen. Zeit für die Wirtschaftswissenschaften, die Gebetsmühle aus Effizienz und Eigennutz zu zerschlagen und neue Visionen für eine bessere Welt aufzuzeigen.

In economists4future mischt sich eine Gruppe von Weiterdenker*innen in die jetzt notwendige Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft ein und verändert damit selbstverständlich geglaubte Spielregeln einer wichtigen Wissenschaft.

Gebundene Ausgabe: 296 Seiten
ISBN: 978-3867746533
Herausgeber: Murmann Publishers
Preis: 34,00 EUR


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